Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend Saatgut gebraucht hatten, mühevolle Feld- und Gartenarbeit und an den Abenden stundenlange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der Siedlung, waren gefolgt.
Tag und Nacht offene Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein Handköfferchen und sonst nichts. Die Wände, hell gestrichen, leuchteten blau, grün, rosa.
„Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.“
Wie lebendig das klingt, hatte Jürgen gedacht. ‚... kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.‘
Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger verblüfft und gereizt durch ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche, Schule, Ehe, Eigentum, Zins- und Hypothekenräuberei.
Der kirchenfeindliche Verein ‚Gedankenfreiheit und Feuertod‘, der seit Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, sein schon erbautes Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille erklärt worden war, er persönlich habe ja gar nichts dagegen einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen, nur glaube er nicht, daß dadurch der große Stunk merklich vermindert werden würde, die Polizei auf Siedler und Siedlung aufmerksam gemacht.
Kartoffelernte, Hypothekenzinsforderungen, Herbstbeginn, kürzer werdende Tage, in dem selben Maße verlängerte, immer heftiger werdende Diskussionen. Und eines Tages waren die Handköfferchen und Lili mit dem Kinde und die Siedler verschwunden gewesen, unter Zurücklassung der sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet, in dem offenen Schuppen lagen.
Der Bauer hatte seine Kommoden, wandbreiten Eichenschränke und Riesenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände dunkel schabloniert und die Heiligenbilder aufgehängt.
Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine Postkarte aus Berlin gekommen: Die Siedlung sei aufgeflogen. Die Gründe, eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch nicht entschließen können; aber er sei Mitglied der sozialistischen Partei geworden. Und damit Punkt.
Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vornehmen Villenviertel schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an sein ergebnisloses Fragen und Suchen, hinaushorchte in die Nacht, vernahm er die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.