Die fünfzig verschiedenen Melodien zusammen erregten bei manchem Besucher schon Schwindelgefühl, wenn er auf dem Jahrmarkt noch gar nicht angelangt war. Paukenschläge und Trompetenstöße drangen siegreich durch.
Alles drehte sich, funkelte und flog. Die Mädchen klammerten sich an ihre Liebhaber an, schrien auf, wenn die Berg- und Talbahn in die Tiefe sauste, im rosa beleuchteten Tunnel verschwand. Und an der farbensprühenden Budenreihe entlang zog die schwarze Menschenmenge. Alle Ausrufer waren schon heiser, luden hinreißend liebenswürdig ein. Die Konkurrenz war groß.
Trotzdem hatte sich Herr Rudolf Schmied in seinem grünen Wagen zu einem Schläfchen niedergelegt und Seidel die Aufsicht und das Geldeinsammeln anvertraut. Denn tags zuvor, in früher Morgenstunde, als noch kein Budenbesitzer, kein Adjunkt dagewesen war, der die Einnahme hätte kontrollieren können, hatte Seidel kassiert, sich vom Lehrer der Knabenklasse, die geschaukelt hatte, eine Empfangsbestätigung ausstellen lassen und Geld und Schein gewissenhaft Herrn Rudolf Schmied abgeliefert.
Dieser Empfangsschein hatte wie tödliches Gift auf das Mißtrauen des Herrn Schmied gewirkt. Die Adjunkten vermuteten in Seidel einen Verwandten des Herrn Schmied, unterordneten sich ihm, lieferten willig die Einnahme ab.
Die immer besetzten zwölf Schiffe der schönen, besonders hohen Schaukel flogen unausgesetzt. Die sieben der alten, niedrigen Schaukel daneben hingen fast immer reglos. Die Adjunkte luden brüllend ein; der Orgelspieler drehte wie besessen: alle drängten vorbei zur hohen Schaukel.
Seidel blickte starr ins Publikum und befahl, als er Herrn Hohmeier entdeckte, gleichgültigen Gesichtes dem Adjunkten mit dem pflaumenblauen Herzen auf der Backe, der von seinen Kollegen ‚Das Herz‘ genannt wurde, das letzte Schiff in der Reihe anzuhalten, da die Tour zu Ende sei.
Schon preßte ein anderer Adjunkt, der ein abschreckend großes, pferdekopfähnliches Gesicht hatte, das Anhaltbrett gegen den Kiel des allmählich sich totschaukelnden Schiffes. Eine neue Tour begann. Seidel sammelte ein. Der Magistratsbeamte ließ ihn nicht aus den Augen, die vor Hohn und Genuß funkelten. Auch die zukünftige Braut des Herrn Hohmeier machte große Augen. Sie hatte ein ganz mageres, blasses Gesichtchen.
„Das Riesenweib! Wie sie ißt! Wie sie trinkt! Wie sie schläft! Brustumfang 154! Alles andere dementsprechend! Kolossal! Jedem Besucher erlaubt, nachzuprüfen! Brustumfang 154!“ schrie der Ausrufer links neben der Schiffschaukel.
Und ein anderer: „Hopp hopp hopp hopp hopp!“ Der ritt ohne Pferd dem Publikum einen eleganten Trab vor zugunsten des ‚Hippodrom von Eder, wo reiten kann ein jeder‘.
Ein kleiner, verhärmt aussehender Budenbesitzer, auf dessen Schulter ein abgerichteter Rabe saß, der Kopf und Beine und flügellahme Schwingen ruhelos bewegte, sagte zu Jürgen: „Treten Sie ein: Hier wird jedes Menschen Sehnsucht erfüllt.“