Und er schauspielerte: „Das Lämmchen gehört zu der Krüppelfamilie ... Bäh, bäh, bäh!“ Müdigkeit drückte des Erschöpften Wange auf die Tischplatte. Noch einmal hob er das von Tränen und Blut verschmierte Gesicht, rief trotzig und blöd: „Bäh!“ und schlief ein.

Da erschien, grün und aufgetrieben wie ein Ertrunkener, der Vater hinter dem Stuhle, tippte Jürgen auf die Schulter und sagte leise und lächelnden, weitgeöffneten Mundes, so daß alle Zähne bleckten: „Na, du schmähliches Etwas.“ Dabei drehte der Vater des Jahrmarktes riesige, vieltausendstimmige Drehorgel, deren Töne fernher drangen durch den warmen Herbstabend.

Der Kontakt im Tunnel der Berg- und Talbahn funktionierte schon. Die Bude links neben dem Zaubertheater war mit Hilfe von Ölfarbe in einen alten Stall umgewandelt, aus dessen Luke Heu hervorquoll. Der Kopf des mit kosmetischen Mitteln hergerichteten ‚Pferdegesichtes‘ sah sehr abnorm aus.

Das Herz brüllte in das Riesenhorn, das Seidel hatte machen lassen: „Hier ist zu sehen der Mensch mit dem Pferdekopf! Die größte Abnormität der Welt! Er frißt Heu wie Brot! Hafer ist ihm das liebste! ... Man höre ihn wiehern.“

Blies mächtig ins Horn, starrte, Hand am Ohr, ins Publikum: Aus der Bude erklang das brünstige Wiehern des Pferdegesichtes.

Auch Jürgen, der außerhalb der Stadt auf der bewaldeten Höhe stundenlang am selben Flecke reglos gelegen war und sich nach dreißig Schritten, gepeinigt von Unruhe und Ratlosigkeit, wieder in das Moos hatte fallen lassen, den Blick fernaus gerichtet, dem Flußlauf nach, in das weite Land, dem Meere zu, ganz und gar erfüllt von dem Wunsche, aller Last zu entlaufen, hinaus in ein Leben der Ungebundenheit, wurde auf dem Heimwege angezogen von den Drehorgelmelodien, die, wie in der Knabenzeit, in ihm das Gefühl wieder erwachen ließen, daß hier die Freiheit sei.

Das ist das selbe Gefühl, das den sechsjährigen Sohn des Geheimrates sagen läßt: ‚Ich will Droschkenkutscher werden‘, dachte er und betrachtete den Stall. Rechts stand: Eingang; links: Ausgang. In der Mitte saß Leo Seidel vor der grünen Drahtgitterkasse.

Ihn jedoch hat nicht dieses Gefühl vor die Schaubude gesetzt, dachte Jürgen, wollte schon durch die Menge durch, die drei Stufen hinauf, Seidel zu begrüßen, erinnerte sich in dieser Sekunde der Weltgeschichte und seines letzten Gespräches mit Seidel und verließ den Jahrmarkt.

Seidel hatte Jürgen nicht bemerkt; er war sehr beschäftigt. Wenn die Leute sahen, wie das aus der Luke heraushängende Heu sich bewegte, siegte bei vielen die Neugierde, einen Menschen mit einem Pferdegesicht beim Heufressen zu beobachten, so daß die Bude immer guten Zulauf hatte.

In der Hand die Rechnungen für Ölfarbanstrich, innere Ausstattung, Riesenhorn und Stallmeisterlivree, die Das Herz trug, und im Kopfe die Idee, daß nur derjenige zu Geld kommen könne, der andere für sich arbeiten lasse, stellte der kapitalkräftige Seidel Herz und Pferdegesicht am Wochenschlusse vor die Wahl, entweder Mitinhaber zu bleiben und während der ganzen Messedauer auf jeglichen Verdienst zu verzichten – denn diese Rechnungen müßten erst gewissenhaft bezahlt werden –, oder alle Mitinhaberrechte abzutreten und sofort Angestelltengehalt zu beziehen.