Das Herz schrie: „Der Gewerbeschein war mein einziges Erbe.“ Das Pferdegesicht erklärte, nicht jeder könne seine Visage als Pferdekopf für Geld ausstellen, und jeden Tag bis Mitternacht Heu zu fressen, sei auch keine Kleinigkeit. Die grüne Drahtgitterkasse, in der die Wocheneinnahme lag, klappte zu.

Da wählten die beiden das Geld in die Hand. Seidel war Alleininhaber.

Während er einlud und kassierte, grübelte er unausgesetzt darüber nach, wo er eine breitere Basis für seinen spekulativen Geist finden könnte.

Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem mächtigen Backsteinbau zurück: dem Zirkus, der den ganzen Winter über in der Stadt blieb und während der vier Wochen langen Jahresmesse schlechte Einnahmen hatte.

Seidel benutzte die losen Beziehungen, die zwischen einigen Budenbesitzern und dem Zirkusunternehmer bestanden, und schlug diesem vor, Familienbilletts zu ermäßigten Preisen zu verkaufen, solange die Jahresmesse in der Stadt sei. Auch solle er an Stelle der herkömmlichen und deshalb nicht mehr wirksamen Zirkusplakate ein von einem guten Künstler zu entwerfendes modernes Plakat kleben lassen.

Von einem modernen Plakat wollte der Mann nichts wissen. Die Billettidee hatte er selbst gehabt und war schon dabei, sie auszuführen. Aber es gelang Seidel, einige für seine Zukunft wichtige Bekanntschaften mit Zirkuskünstlern zu machen.

Bald darauf behauptete Adolf Sinsheimer, er habe Leo Seidel, im Pelz, den Zylinder auf dem Kopfe, im Vorraume des Berliner Wintergartens gesehen, in Gesellschaft von eleganten Damen und Varietékünstlern.

Und so konnten einige Jahre später seine früheren Kollegen vom Stadtmagistrat und die Schulkameraden, von denen die meisten zu dieser Zeit schon jung verheiratete Männer waren, nicht allzu sehr darüber verwundert sein, daß eines Tages Leo Seidel, der nicht lange Impresario geblieben war, als kaufmännischer Direktor des riesigen Wanderzirkus in die Heimatstadt zurückkehrte, im ersten Hotel abstieg und im eigenen Wagen fuhr.

Zu jener Zeit war Herr Hohmeier eben bis zum breiteren Löschblattbügel vorgerückt und wollte sich verheiraten.

Der Besitzer des Zirkusunternehmens kränkelte und hatte nur eine Tochter. Sie war siebzehn Jahre alt.