Kurz vorher hatte Seidel, der längere Zeit im Weizen- und dann im Stabeisengroßhandel mit nicht besonderem Erfolge tätig gewesen und deshalb noch einmal in das ihm vertraute Fach zurückgekehrt war, an der Börse sehr gewinnreich mit Baumwolle spekuliert. Er war seit Jahren Abonnent volkswirtschaftlicher, bank- und börsentechnischer Zeitschriften.
Er studierte die Preisschwankungen des Marktes nicht wie der Großindustrielle oder Börsianer, die, das Risiko zu vermindern, sich mit ihren Abschlüssen von Tag zu Tag nach den Markt- und Börsenberichten orientieren; er verglich seit Jahren die an- und abschwellenden Kurven der Export- und Importziffern aller Länder, verfolgte genau die hieraus sich ergebenden inner- und außerpolitischen Spannungen, täuschte sich selten über den Zeitpunkt hereinbrechender Wirtschaftskrisen – eine Fähigkeit, die ihn nicht nur vor Verlusten geschützt, sondern ihm seine bisher größten Gewinne eingebracht hatte – und wartete, in jeder Hinsicht gerüstet, seit langem nur auf die Situation, die es ihm gestatten würde, unter möglichster Ausschaltung des Risikos die Hand auf das ganz große Geschäft zu legen.
Schon jetzt glaubte Seidel begründete Hoffnung zu haben, die Siebzehnjährige nicht heiraten zu müssen.
III
„Sie sind ja in der Brodstraße.“ Der Portier setzte sich wieder auf das Bänkchen.
„Wo Herr Knopffabrikant Sinsheimer wohnt?“
„Den hat der Schlag getroffen. Heute mittag. Punkt eins. Kommt von einem Geschäftsgang zurück, liest die eingelaufene Post, da trifft ihn der Schlag ... Auch ein Unglück für die Familie!“
Jürgen überwand seine Scheu, ein Haus zu betreten, in dem ein Toter lag, stieg die Treppe hinauf, vorbei an dem farbigen Treppenhausfenster, auf dem Wilhelm Tell im Ausfall stand, bereit, den Apfel herunterzuschießen von den blonden Locken.
Im Vorzimmer kämpfte Gulaschduft mit Medizingeruch. „Herr Adolf kommt gleich“, sagte das Dienstmädchen und drehte eine schwach und rot brennende Birne an im Salon.
Eichenmöbel, reich geschnitzt, schwarz und unverrückbar schwer, füllten ihn. Zahllose Nippesgegenstände posierten, miauten, sangen, tanzten Menuett auf allen erdenklichen Plätzchen und Kanten. Jürgen wand sich bis zu einem Stuhle durch, dessen hohe Lehne, gebildet durch zwei vielfach geschwungene, schwarzgebeizte Schwanenhälse, mit einer Wasserrose abschloß, in der ein Frosch saß, das Krönchen auf dem Kopfe.