Ihr Mann ist sehr edel, gibt seine ganze Brieftasche dem demütig Dankenden, an dessen abgezehrtem Gesicht die Tränen herunterrollen.
Auch Katharina schluchzt, legt ihre Hand auf die seine, die den Besen hält, und sieht ihren Mann an: ‚Jürgen war nicht immer so. Denke das ja nicht. Wenn du wüßtest, welch wunderbarer Mensch er gewesen ist! Hätte ich ihn sonst geliebt? Keineswegs immer so! Zum Beispiel ernannte ihn die Regierung, obwohl er anfangs nur ein untergeordneter Dolmetscher war, seiner ganz außerordentlichen Fähigkeiten wegen zum deutschen Gesandten in China.‘
Da verschwand Katharinas Mann. Nicht dieser, sondern Jürgen ist mit ihr verheiratet, empfängt die phantastisch wunderbar gekleideten chinesischen Würdenträger, von denen vor lauter tiefen Verbeugungen beständig nur die Rücken zu sehen sind. Der Saal hat keine Decke. Das Sternenfirmament blitzt über dem glänzenden Feste des deutschen Gesandten. Der Reichskanzler hat für außerordentliche diplomatische Dienste an Jürgen ein Danktelegramm geschickt. ‚Empfehlen Sie mich auch Ihrer Frau Gemahlin.‘
‚Katharina, der Kanzler läßt sich dir empfehlen.‘
‚Das alles habe ich nur dir zu verdanken, Jürgen.‘
Der Aufschrei einer Frau und das Schimpfen und heftige Läuten des Trambahnführers stießen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er befand sich in einem ihm gänzlich fremden Stadtteil.
„Wenn diese schweinischen Träumereien jetzt nicht endlich aufhören, knalle ich mich nieder. Das ist ja Onanie“, schrie er plötzlich wutentstellten Gesichtes, in dem, ebenso plötzlich, grenzenlose Verwunderung sich auftat, als er bemerkte, daß er vor dem Hause stand, in welchem der Ingenieur wohnte.
Jetzt erst erinnerte Jürgen sich wieder, daß er Adolf nach der Adresse gefragt und auf dem Wege durch die Stadt zweimal Straßenschilder gesucht hatte, in diese Seitenstraßen eingebogen und einmal sogar ein Stück Weges wieder zurückgegangen war, ohne sich des Grundes bewußt geworden zu sein.
Außerdem ist Katharina ja von zuhause weggelaufen, wird sich also von dem Herrn Geheimrat nichts mehr dreinreden lassen, dachte er, schon wieder traumversunken, beim Hinaufsteigen, las auf einem weißen Kärtchen den handgeschriebenen Namen des Ingenieurs. ‚Was soll ich ihn denn fragen? Was soll ich sagen?‘
Da hatte er schon geläutet. Die schweigsame Wirtin, deren Unterlippe mürrisch auf das Kinn herabhing, führte ihn in das große, helle Zimmer. Der Ingenieur saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. „Setze dich.“