„Genossinnen! Genossen! Euer gemeinsamer Kampf, der Klassenkampf, die Gemeinsamkeit all derer, die durch ihr Klassenschicksal die gegebenen und unbedingten Feinde des Kapitalismus sind, dieses Gemeinsame, Euer Klassenbewußtsein, ist der unerschöpfliche Quell Eurer Kraft: Kraftquell für jeden und für das Vertrauen jedes einzelnen auf seine Kraft“, erklang fernher die Stimme des Redners.

Und Jürgen fragte: ‚Ist das so? ... Ich werde dahinter kommen, ob und weshalb das so ist.‘ Ihm entgegen drängte noch einmal der junge Zeitungsverkäufer, auf dem Arme den Stoß, der bis zu seinem Ohre reichte. „Du hast nicht bezahlt.“ Und da Jürgen, verwirrt, ihm in das Antlitz sah: „Zwanzig! ... Umsonst gibts nichts.“

„Zwanzig?“ Der Zögernde blickte wieder den schweißtriefenden Kellner an und überlegte, ob er ‚Die Befreiung‘ oder ein Glas Bier kaufen solle, als wäre beides zusammen unmöglich.

Da erkannte Jürgen an einer Kopfbewegung des Redners den Agitator, der von Monopolisierung, Akkumulation und Mehrwert sprach, worunter Jürgen sich nichts vorstellen konnte.

„Dazu noch das arbeitslose Einkommen, geschluckt von Aktienbesitzern, die in gar keiner Weise arbeiten in dem Betriebe, von dem sie die Dividenden beziehen. Ich lasse mein Kapital arbeiten, sagt der Aktienbesitzer, der auf dem Kanapee liegt, die Kurse studiert, wie die Spinne im Netz in der Börse lauert, erstklassig durch das Leben glitscht, aber den Rasen nicht betritt, kein Holz im Walde stiehlt, sondern für Recht und Ordnung ist.“

Die fünftausend saßen reglos, horchten und blickten, als hielten sie mit ihren Händen den Erdball.

„In den Betrieben schuften Männer und Frauen jahraus, jahrein, von früh bis abends an den Maschinen, machen vom vierzehnten bis zum sechzigsten Lebensjahre immer die selben Handgriffe, aus denen Zahnbürsten, Lokomotiven, Stecknadeln, Überseedampfer, Schreibmaschinen, Schuhe, Leintücher entstehen; in behaglichen oder eleganten, geschmackvollen oder geschmacklosen Wohnungen sitzen Herren und Damen, deren Lebensarbeit darin besteht, das Dasein zu genießen, ins Theater zu fahren, über Kunst und Literatur dumm oder klug zu reden, Kulturträger zu sein, ihr Dienstpersonal zu schikanieren und ihre Kinder falsch zu erziehen und reich zu verheiraten, Leute, die einen Betrieb nie betreten haben, es seien denn Modegeschäfte und Sekt-, Tanz-, Bordell- oder sonstige Nachtbetriebe gewesen, gepflegte Zeitgenossen, die keinen Dunst davon haben, wie Zahnbürsten fabriziert werden, oder wie ein Webstuhl aussieht, und beziehen Dividenden von einer Bürstenfabrik oder einer Leinenweberei, während die Kinder der Bürstenmacher nicht einmal wissen, daß die Benutzung einer Zahnbürste zur Erhaltung der Zähne beiträgt, und die Leinenweber für ihre armseligen, stinkenden Betten keine Leintücher kaufen können.“

Auch meine Tante besitzt eine Schatulle, gefüllt mit Aktien, sie, die in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht hat, als diese qualvollen Häkeldeckchen, dachte Jürgen.

„So kommt es, daß euch, wenn ihr an einem Werktag, während der Arbeitszeit – um elf Uhr früh, um vier Uhr nachmittags – durch die Geschäftsstraßen einer Großstadt geht, die vor Arbeit brüllt und dampft, Tausende und Tausende und Tausende hübsch und elegant gekleideter, gepflegter Mädchen, Frauen und junger Männer begegnen. Das sind die Töchter – höhere Töchter –, die Gattinnen, die Söhnchen. Sie arbeiten nicht; aber sie essen dennoch, und nicht Kutteln mit Sauce. Kaufen ein, geben viel Geld aus, damit die Arbeiter ihr Brot verdienen können, versteht ihr, wohnen bequem und hygienisch, hören Konzerte, können ausgezeichnet tanzen und zur Not Gesetzesparagraphen auswendig lernen, die gegen Arbeiter anzuwenden den künftigen Staatsanwälten und Richtern dann nicht schwer fällt. Sie sind die Angehörigen ihrer Aktien besitzenden Gatten und Väter, leben von dem Mehrwert, der den Werktätigen abgepreßt wird, und haben, im allerbesten Falle, ein mitleidiges, staunendes Lächeln für demonstrierende Arbeiter, von deren Schweiß und Not und Tod sie leben.“

Aber nicht den schwächsten Reflex des Bewußtseins, daß sie von dem Schweiße dieser Arbeiter leben, dachte Jürgen. Das weiß ich bestimmt. Sind weltenweit entfernt von diesem Bewußtsein.