„Und die Kirche liefert die entsprechende Religion: Du sollst nicht. Du sollst, sollst nicht, sollst! Kürzer: Das Eigentum ist heilig.“
„Im Diesseits“, sagte heiter lächelnd ein neben Jürgen stehender Arbeiter. „Im Jenseits gibts nämlich keine Rittergüter, Bergwerke, Webereien und Möbelfabriken.“
Wer da war in diesem Saale, plötzlich fühlte Jürgen sich mit jedem einzelnen und mit allen zugleich wie durch ein unbegreifliches Wunder verbunden. Der Haß dieser fünftausend war sein Haß, ihre Hoffnung, ihr Ziel waren seine Hoffnung, sein Ziel. Und da geschah es, daß seine lebenslange Unsicherheit und Hilflosigkeit der Umwelt gegenüber urplötzlich verschwanden und das kraftspendende Gemeinschaftsempfinden so mächtig in ihm entstand, daß er an sich halten mußte, nicht loszubrüllen vor innerem Jubel.
‚Da wurde ich vierundzwanzig Jahre alt und ahnte nicht, was Selbstbewußtsein ist. Fühlte es nicht! Fühlte es nicht, wegen meiner unfruchtbaren Einsamkeit, angesichts dieses verruchten Geschehens, dem gegenüber der einzelne sich nimmermehr zurechtfinden kann oder, findet er sich zurecht, verloren ist. So oder so! Denn das Zurechtfinden innerhalb dieses Ganzen bedeutet, wie immer es geschieht, menschlich den Untergang ... Jetzt geht der Kampf an. Kampf bis zum Tode!‘
„Der Klassenkampf! Neueste Nummer! Der Klassenkampf! Die Befreiung! Neueste Nummer: Der Klassenkampf!“
Das Herz schlug nicht mehr. In den Fingerspitzen fühlte er den letzten Schlag, anstürmend, als wolle das Blut herausspringen. So starrte er das verschwitzte, kompakte Antlitz an, den gebogenen Nacken, den kleinen, festen Mund, der rief: „Die Befreiung! Der Klassenkampf!“
Da war Katharina schon wieder verschwunden im überfüllten Zwischengang. Er sah nur noch den über ihrem Kopfe schwebenden ‚Klassenkampf‘. Und noch in diesem selben Augenblick zog ein endlos langer Zug arbeitsunfähig gewordener alter Männer und Frauen grau und düster durch Jürgens Sehnsucht, gleichberechtigt neben Katharina zu stehen.
Sekunden später war das Arbeiterversorgungsheim gegründet. Alles funktionierte tadellos. Alle Zeitungen schrieben darüber. Jürgen empfängt eine Deputation des Berliner Magistrats. Die Herren tragen die Zylinder in der Hand. Vier Herren. Der schmalste, feinste hat einen Scheitel, von der Stirn bis zum Nacken, und führt das Wort.
Gewiß, Jürgen sei bereit, auch in Berlin so ein Versorgungsheim zu organisieren. Warum nicht! Natürlich müsse er erst die besonderen Verhältnisse an Ort und Stelle studieren. ‚Die Konstellation gewissermaßen, Sie verstehen! Außerdem haben andere Stadtverwaltungen sich schon früher bei mir gemeldet, müssen Sie wissen. Und wer zuerst kommt – nicht wahr ...‘
Vier Verbeugungen, die vor Befangenheit und Freude darüber, daß Jürgen den Herren die Ehre zuteil werden läßt, einen Witz zu machen, schief ausfallen. Sogar die Münder lächeln schief. Und der schmale, feine Wortführer sagt: ‚Natürlich, hahaha! gewiß, der mahlt zuerst!‘