‚Und jetzt, meine Herren ...‘ Die vier ziehen sich sofort zurück. Auch die Tante, die respektvoll dabeigestanden war, verläßt leise das Zimmer, den mit Arbeit Überlasteten nicht länger zu stören. Katharina, am Schreibtisch lehnend, sieht Jürgen bewundernd an.

Tausendfaches Händeklatschen. Alle schoben sich der Ausgangstür zu. Jürgen erreichte, halb getragen, die Straße, schwitzend und begeistert. Stand vor der Wirklichkeit, die vier Schutzleute vor das ‚Paradies‘ gestellt hatte, stumm und blickend. Die Proletarierkinder tanzten noch immer Ringelreigen, herum um das dampfende Kanalloch.

Senkrecht sauste Jürgen aus seiner Kirchturmhöhe herab auf das reale Pflaster, empfangen von Ekel und Selbsthaß, weil er wieder geträumt und sich wieder hatte achten und bewundern lassen. Mit einem innerlichen, einem wilden Sprunge langte er wieder an bei sich selbst. ‚Ich werde dir das abgewöhnen. Werde dir das abgewöhnen!‘

Die Masse spülte ihn weiter. Jürgen entfaltete den ‚Klassenkampf‘.

Arbeiter, die den Lesenden überholten, wandten sich um nach ihm. Einige legten, wenn er aufsah, den Finger an die Mütze.

Offenbar ein zäher, langwieriger, trockener Kampf; aber das Ziel, das Ziel – es ist unerhört ... Ob ich herausfinden werde, was schlecht ist an ihrem Artikel? dachte Jürgen und las Katharinas Artikel noch einmal von Anfang an.

Plötzlich vernahm er, stehend im Straßenlärm, deutlich das Summen einer großen Fliege, blickte erstaunt auf und bemerkte, daß er vor dem ‚Platzwirt‘ stand, einer Zuhälter- und Verbrecherkneipe, vor der er, sooft er vorbeigegangen war, immer tiefes Grauen empfunden, und die zu betreten er nie gewagt hatte.

Als er die Tür öffnete, hatte er zuerst die Empfindung, in einen riesigen Fabriksaal geraten zu sein, so ungeheuer war der Lärm. Auch die Töne des alten Klaviers konnten nur vereinzelt durchdringen.

An den vor Alter bucklig gewordenen Wänden hing gar nichts. Vom Schanktisch bei der Tür liefen fünf lange Reihen zwischenraumlos nebeneinander stehender Tische nach rückwärts und verschwanden im Qualm. Kein einziger Stuhl. Zehn Bankreihen: dicht besetzt von Straßenmädchen, Zuhältern, verunglückten oder zu alt gewordenen Artisten und Arbeitern, obdachlosen früheren Angehörigen der bürgerlichen Klasse verschiedenster Berufe, durch den Konkurrenzkampf heraus- und, ohne Station zu machen bei der Arbeiterklasse, gleich hinuntergeschleudert ins Lumpenproletariat, und zum größten Teile Existenzen, die infolge langer Arbeitslosigkeit rettungslos in Verbrechen versunken und ertrunken waren.

Ohne Gesprächsunterbrechung wurde für Jürgen mit selbstverständlicher Bereitwilligkeit Platz gemacht, noch enger zusammengerückt. Nur ein kurzer Blick, prüfend, ob Jürgen ein Spitzel sei.