Schon stand das Bier vor ihm. Und die Hand des Kellners verlangte das Geld.
Niemand wunderte sich über den sorgfältig gekleideten Gast; es kam öfters vor, daß elegante Bummler, Frackherren, oft sogar mit ihren Damen, nach Ball- oder Barschluß als letzte Sensation diese Kneipe besuchten.
Aus den erregten, gespannten und gierigen Gesichtern, aus den Gesprächsfetzen und wilden Gesten, aus dem ganzen Gebaren stach vor allem anderen deutlich das eine hervor: Alles ist erlaubt, nur darf man sich nicht fassen lassen. Hier saßen ausschließlich Existenzen, die das Grundgesetz der bürgerlichen Ordnung, ‚Das Eigentum ist heilig‘, verletzt hatten, für immer außerhalb jeder Ordnung des Geschehens standen und, die drohende Katastrophe unausgesetzt vor Augen, gierig und eisern bestrebt waren, das Letztmögliche noch aus dem Leben herauszufetzen, bevor sie von der Faust der Krankheit oder des Gesetzes gepackt werden würden. Jeder war über jeden orientiert. Mancher konnte manchen ins Zuchthaus bringen. Keiner tat es.
Neben manchem stand das Schafott. Es handelte sich nur darum, das Schafott nicht besteigen zu müssen. Polizeispitzel, auch in der echtesten Verkleidung von den Gästen erkannt, konnten es nicht wagen, sich hier sehen zu lassen, es sei denn in großer Anzahl bei einer Razzia. Entsicherte Revolver. Hände hoch. So wurden von Zeit zu Zeit die Lokalbesucher ausgekämmt. Der ‚Platzwirt‘ war Lieferant des Scharfrichters und der Zuchthäuser. In die Privatangelegenheiten seiner Gäste mischte er sich nicht hinein. Die Grenze des Erlaubten war in seinem Lokal sehr weit gezogen und durfte nicht um einen Millimeter überschritten werden. Er hielt auf Ordnung im stürmischen Aufruhr. Jürgen war betäubt.
Der ‚Hinausschmeißer‘, ein scheinbar ganz unbeschäftigt neben dem Schanktisch emporragender athletischer Brustkasten, machte zwei Schritte auf einen eben eingetretenen alten Mann zu, packte ihn von hinten und wortlos beim Rockkragen und zwischen den Beinen und trug ihn schweigend vor sich her, bis zur Tür, stieß ihn hinaus. Und stand sofort wieder reglos am Schanktisch, den Tumult im Blick: Dem Hinausgeworfenen war das Lokal verboten. Er hatte einmal die Wurst nicht bezahlt und damit die Grenze des Erlaubten überschritten. Der Hinauswurf war von vielen gesehen, von keinem beachtet worden. Das Tosen hatte nicht ausgesetzt.
Jürgen gegenüber saß neben einem Mann ein junges Straßenmädchen, den grünen Hühnerflügelhut schief auf dem Kopfe. Beide hatten sich noch nicht gerührt. Beide stützten beide Ellbogen auf die bierverschmierte Tischplatte, an der die Eßbestecke angekettet waren. An dem gleichartigen, bösen Schweigen erkannte Jürgen, daß die beiden zusammengehörten.
Rechts neben dem Schweigenden hockte männlich breit eine Frau, deren ganzes Gesicht – auch die Stirn – schwarzblau war wie eine Gewitterwolke, und erzählte, ohne sich an jemand besonderen zu wenden, unaufhörlich, daß sie arbeitslos sei, und weshalb sie arbeitslos geworden sei. Ein arbeitsloser, schwindsüchtig aussehender junger Mensch verzog die Lippen, kaum bemerkbar, als habe er schon keine Lust und keine Kraft mehr, noch verächtlich zu lächeln, richtete langsam den Oberkörper auf, sah Jürgen an, der sich erst jetzt dieses fahlen Gesichtes und des haßerfüllten Blickes, dem er kurz vorher in der Arbeiterversammlung mehrere Male ausgesetzt gewesen war, wieder entsann.
Ein erst vor wenigen Tagen nach langjährigem Aufenthalte in Amerika zurückgekehrter, heruntergekommener Aristokrat sagte über die blauschwarze Frau weg ohne jeden Übergang zu Jürgen: „Da gehe ich gestern die große Allee hinunter. Was wollen Sie, ich gehe einfach spazieren. Auf einmal sehe ich eine elegante Equipage stehen. Davor zwei Pferde. Pferde! Ich verstehe mich darauf. Für Pferde interessiere ich mich. Auch jetzt noch ... Und wer, denken Sie, sitzt drin? ... Meine Mutter. Mächtig elegant! Ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun, ich trete zu ihr an den Wagen. Das ist doch klar. Ist das nicht menschlich?
‚Woher kommst du?‘ fragt sie mich. Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus vor der Stadt gekommen sein könnte.
‚Aus Amerika! Am Montag!‘