Und der sah die vier Männer an, die ihre Mundharmonikas auf die Handfläche stauchten. Der eine Spieler, ein stark schielender, kleiner, ungewöhnlich breitschulteriger Mann mit kantiger Stirn, machte mit der linken Faust anfeuernde Bewegungen. Das Getöse im Lokal verminderte sich nicht. Der Schielende hetzte sich und die drei andern Spieler in das immer wilder werdende Tempo hinein. Die vier Oberkörper, die eingezogenen Köpfe spielten hingerissen mit. Die Gesichter flammten.

Drei zwischen Krücken baumelnde Krüppelkörper zogen langsam vorüber an Jürgen und am Quartett. Das Tempo stieg unter des Schielenden Führung rasend an. Sie fanden nicht mehr Zeit, die Oberkörper mitzuschaukeln; nur die Gesichter zuckten noch knapp im Rhythmus. Der Schielende stampfte hetzend mit dem Absatz den Takt. Der Vortrag endete wie abgehauen. Der Orkan stand wie vorher im Lokal.

Jürgen hörte einen dumpfen Ton: Wieder hatte die Faust des Schweigenden den hochaufgeschwollenen Mund des Mädchens getroffen. Dann saßen beide wieder reglos, die Ellbogen aufgestützt.

Die Frau mit dem schwarzblauen Gesicht spuckte, über den Tisch weg, scharf an Jürgens Wange vorbei. Eine dünne, weiße Wursthaut flog nach und platschte glatt auf den schwarzen Fußboden neben den Schleim.

Der Schweigende schob, als ob nichts geschehen wäre, seiner Freundin die abgezogene Wurst hin. Das Mädchen rührte sich nicht. Die geplatzte Oberlippe glich einem daumendicken, blauen Wurm.

Jürgen war vor dem an seinem Munde vorbeifliegenden Schleim zurückgezuckt und starrte, plötzlich grau am ganzen Körper, den an Jahren noch jungen Mann an, der sich bückte, die mit schwarzem Sande verschmierte Wursthaut vom Fußboden wieder abzog und in den Mund steckte. Mit der ganzen Handfläche schob er nach, kaute zahnlos und ging, auf dem Boden nach Abfällen suchend, langsam weiter. Die Menschen sah er nicht an. Nur den Fußboden. Apathisch, wie ein wandelnder Toter. Und als ihm vom Schweigenden die verschmähte Wurst zugeworfen wurde, versuchte er gar nicht, sie aufzufangen; er ließ sie gegen seine Brust prallen und erst zu Boden fallen. Strümpfe, Weste, Rock, Hemd hatte er nicht an. Nur Hosen und darüber einen Mantel. Seine Augen waren verschleimt und tot. Die Unterlippe, nach außen gedreht, hing unbeweglich, schief und drei Finger breit herab.

Mit Entsetzen sondergleichen fühlte Jürgen: Dieses kranke Stück Fleisch will nur noch Essen zugeführt bekommen, während der Wilde und sogar jeder Hund, auch der elendeste, mit seinem Blicke Zuneigung verlangen und geben kann. Das ist Kultur, dachte er. Kultur.

Stunden vergingen, und immer mehr neue Gäste kamen, Hände in den Hosentaschen, Schultern fröstelnd hochgezogen: Obdachlose. Der Hinausschmeißer musterte prüfend jedes fahle Gesicht, schob im Laufe der Nacht zwei Burschen und ein junges Mädchen, das die Arme hoffnungslos hängen ließ, wieder hinaus.

Der Schweigende rüttelte die Geschlagene am Arm, forderte sie so auf, jetzt wieder gut zu sein.

Was mag sie alles gedacht haben in dieser langen Nacht? dachte Jürgen. Was ihr geschehen ist, als sie noch ein Kindchen war? Oder was ihr noch bevorsteht in diesem Leben? ... Und der Attentäter, er wird hingerichtet.