Mit einer Schulterbewegung schüttelte die noch immer aufgestützt Sitzende die Hand ab, lächelte aber dabei schief und entgegenkommend.
„Dann eben du die Hälfte und ich die Hälfte“, gab er halb nach. „Her mit dem Geld!“
Aufrührerischer, mitreißender Gesang, vom Quartett begleitet, erfüllte unvermittelt und donnernd das Lokal. Alle brüllten mit. Die nach außen gedrehte Unterlippe hing unbeweglich auf das Kinn herab. Er suchte, bückte sich.
„Das war doch nur menschlich! Ist das nicht gemein?“ fragte der Aristokrat den Hinausschmeißer, der, das Lokal im Blick, am Bierfaß lehnte und keine Antwort gab.
Ich also werde mich nicht dabei beruhigen, daß ich fähig bin, die Schönheit eines Goetheschen Wortes zu empfinden, dachte Jürgen, als er gegen Osten schritt, wo schon die zarte Morgenröte stieg.
Auf eine Gruppe Nachtarbeiter zu, die das Trambahngleis ausbesserten und eben die Azetylenlampen verlöschten, da das graue Tageslicht schon erstarkte. Ein Mann im Mantel beaufsichtigte die Arbeiter, die mit wuchtigen Rundschlägen Eisenkeile in den Asphalt trieben.
Zwei Herren, die wie Oberförster aussahen und aus einer Abendgesellschaft zu kommen schienen, blieben stehen. „Wie brav sie wieder arbeiten!“ Und gingen weiter. Wenige Tage vorher war ein Streik mit einer Niederlage der Arbeiterschaft beendet worden.
Auch Jürgen ging vorüber. „In Wirklichkeit sind es ja nur die Hetzer, während die Arbeiter selbst“, hörte Jürgen, „im großen ganzen ...“
Ging aus der Stadt hinaus, am Flußufer hin. Auf der Quaimauer saß ein junger Mensch. Diesmal erkannte Jürgen sofort das leichenfahle Gesicht des Schwindsüchtigen, der den Abend vorher in der Arbeiterversammlung und später beim ‚Platzwirt‘ gewesen war: Ein Gesicht, in dem der Haß sich schon in Verzweiflung und die Verzweiflung sich schon in Gleichgültigkeit abgewandelt hatte.
Der Schwindsüchtige pfiff leise, ließ die Beine über dem fließenden Wasser baumeln. „Guten Morgen“, sagte Jürgen und setzte sich neben ihn, die Beine ebenfalls wasserwärts gestreckt. Von der anderen Seite näherte sich ein einarmiger Invalide, saß auch nieder und begann Geld zu zählen.