Die Agentenwitwe trug im schmerzdurchwirkten, aufgelösten Gesicht den unbegreiflich tiefen Glanz stiller Bereitschaft, als sie zum Kellner trat, der in der Dämmerung erschöpft an der Hausmauer lehnte und auf das in der Ferne verklingende, fanatische Triumphgebrüll der Kriegswitwen lauschte. Er glaubte, den anhaltenden, zündenden Schrei der robusten Witwe herauszuhören.
Teile von Gedanken, für die er vorhin Worte nicht gefunden hatte, kehrten wieder: ‚Die Gewalt, den Menschen gelehrt und aufgezwungen, untersteht dem furchtbaren Gesetze alles Bösen, muß weiter wirken . . . Wer in dieser Welt der Schmerzen das Leid nicht auf sich nehmen kann, bleibt böse.‘
Er blickte zur Agentenwitwe hin, die in ungeheurer Befreiung vor dem neuen Anfang stand, entrückt, wie vor einer Wiege, in der sie selbst lag. Horchte auf das ganz ferne Knallen mehrerer Schüsse. (Das stärker werdende ferne Gebrüll wurde wieder hörbar, schwach, wie das Summen einer Fliege.)
‚Revolution steht auf den Stirnen der Menschen; und was auf den Stirnen der Menschen steht, wird Ereignis.‘
Von schwarzen Blitzen durchzuckt, brach aus seinem Herzen lautlos donnernd die entscheidende Menschheitsfrage heraus: ‚Werden Wille und Sehnsucht die Gewalt sprengen, die Finsternis durchstoßen, den Geist befreien und sich von ihm führen lassen in das Land der Seele, wo die tiefste, die radikalste Revolution, die Revolution der Liebe zum Ereignis werden kann? Oder wird auch jetzt die Gewalt weiter bestehen und weiter siegen über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die der Menschheitszukunft in ewigem Flusse immer neu geboren werden vom tiefsten Sinne der Welt: von der Liebe?‘
Der Platz, vom Tumulte verlassen, sah verbraucht aus.
Dämmerung, Luft und Sein gebaren auf ihm eine stille Sekunde.
III.
Die Mutter
Ihr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.
Wenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten Küche stand. Sah ihn im Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Straße. Immer.