Das feindliche Gewehr sinkt.
Da steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur entsetzlichen Wagrechten.
Ein Schrei der Mutter.
Sie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander losfuhren. Gefletschte Zähne. Ineinander verbissene Mäuler.
(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos über die farblose Fläche. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)
Die Mutter stürzte sich zwischen die zwei kämpfenden Hunde, die der Sohn und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit stumpf gewordenen Händen riß sie die Hunde auseinander, die knurrend in entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen in die Gräben zurück.)
Die Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose Stöhnen, das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt: Mutterliebe.
Die Mutter hat während der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu stöhnen. Denn würde ihr und aller Mütter Stöhnen Ton, ganz Europa würde Tag und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem Stöhnen, für das noch keine Sprache Worte gefunden hat.
Über Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das ‚Leid Machtlosigkeit‘. Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich krümmen. Lebendem Wurme am Angelhaken ist kein Ton gegeben.
Und an den Fronten zucken, in geistschänderischem Kreise aufgestellt, die Rohrläufe der Geschütze vor, gleiten zurück, zucken, vor, zurück, werden heiß: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern. Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille Europa. Grab-Blut-Geschützdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann. Denn sie hört den Schuß krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu, sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht beständig eine Kugel fliegen. Auf den Sohn zu.