Das Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei Ewigkeiten.

Die Mutter — ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen dachte und sah, deren Gefühl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid, den Jammer ganz Europas trug, die europäische Mutter eilte, das Brot gegen die schlaffen Hautsäcke ihrer Brust gedrückt, nach Hause, den Feldpostbrief zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens — „vielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch“ — verlassen haben und mit der nächsten Post in der verdüsterten Vorstadtwohnung eintreffen konnte.

Sie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den Briefträger.

Der winkt. ‚Ich habe etwas für Sie‘, sucht, reicht ihr einen Brief. ‚Halt, noch etwas.‘ Reicht ihr noch zwei. Noch fünf. Reicht ihr eine Hand voll Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.

Und biegt in die leere Gasse ein. Blickt: ‚Kein Briefträger.‘

Während sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem Leutnant steht.

Der sagt: ‚Wenn ich noch einmal bemerke, daß Sie absichtlich nicht schießen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.‘

Von wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen und fleht: „Schieße!“

Der Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.

Die Mutter sieht die französische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.