Dann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, daß das Volk, in unerschütterlichem Vertrauen zu seiner bewährten Regierung, ausharren und infolge seiner Einigkeit neugestärkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, daß dieser Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und daß das Vaterland in Gefahr war.
Das las er der Mutter vor. Und sagte: „Da ist wieder einmal alles ganz klar auseinandergesetzt . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!“
Die Mutter hätte nicht sagen können, weshalb sie unter die Uhr trat und den Perpendikel anhielt, so daß er das Gesicht des beliebten Heerführers in zwei Teile schnitt. Sie sagte müde: „Woher soll denn ein Schulkind wissen, ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gewöhnlichen Leute, was wissen denn wir davon.“
„Das weiß doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., für was sind denn die Schullehrer da. Und wir, wir könnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen . . . Was gibts denn?“
„. . . Nur diese Karte ist gekommen . . . Iß halt noch einen Teller Suppe. Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.“
„Hättest eben früher dort sein müssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal ein Ende hätte . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!“
Hungerschwäche und Angst um den Sohn, den sie plötzlich lautlos auf das Gesicht stürzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mußte und stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam, schob sie ihm ihren Teller hin. „Das Vaterland war in Gefahr? Nun und jetzt? Eine größere Gefahr für das Vaterland ist überhaupt nicht möglich. Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich weiß ja nicht — ich brauche aber nur in seinem Briefe nachzulesen —, wieviel schon gefallen sind, und wieviel Krüppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie nur einmal an. Und daß sie jahrelang nur von Mord reden hören. Was werden denn das für Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und von den Soldaten draußen sollen ja so viele krank sein. Du weißt schon wie.“
„Was der dir immer schreibt.“
„Daß das Volk jetzt in allergrößter Gefahr ist, das kann man leicht wissen. Das weiß jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der Krieg wäre auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewußt hätten, was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um das Blut von Millionen. Um das Blut unserer Söhne. Jetzt würden sie nicht mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: ‚Der Schuß, der den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.‘ Und so ist es.“
„Brust getroffen! Wenn wir doch siegen!“