‚Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht‘, fällt ihm immer wieder ein. Denn schließlich sind alle seine Wünsche zusammengeflossen in den einen unerfüllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in einem Kino sitzen zu dürfen.

Auf dem Steinplatten-Boden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen übriggeblieben ist. Zugedeckt bis zum Kinn.

Die abgesägten Hände, Arme, Füße, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren Kübel, der bei der Tür in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischengängen und im Mittelgang. Fünf Reihen Strohsäcke.

Der mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.

Die Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten später steht wieder der dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute, Todesschweiß, Schmerzausdünstung, Karbol und Lysol in der Metzgerküche, so daß ein gesunder, kräftiger Mensch, der, an frische Luft gewöhnt, hereintritt, eine Minute später Farben vor seinen Augen kreisen sieht und den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt.

In der Metzgerküche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gewährt. Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die Metzgerküche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die Amputationsbedürftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.

Diejenigen Amputierten, die nicht bewußtlos sind, nicht schlafen und doch reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, glänzende Fieberkugeln im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.

Die andern brüllen, schmeißen sich hoch, krümmen, winden sich, wimmern wie neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn, oder bewegen die verstümmelten Körper ganz langsam, aber ununterbrochen.

Das Leben der Glücklichsten besteht abwechselnd darin, daß sie aus der Ohnmacht erwachen und wieder ohnmächtig werden. Dazu trägt der dicke Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerküche.

Der Stabsarzt muß nach ein bis zwei Amputationen, muß nach jeder halben Stunde hinaus in die Luft, damit ihm während der nächsten Amputation die Säge, das Messer nicht aus der Hand fällt.