Jeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.

Frisches Stroh, frische Leintücher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den Zwischengängen. Ordnung. Der Gliederkübel in der Ecke füllt sich. Und leert sich pünktlich um sechs Uhr abends. Die Strohsäcke liegen genau ausgerichtet in linealgeraden Reihen.

Der Stabsarzt sägt.

In die Metzgerküche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier interessiert man sich nicht für Siegesnachrichten. Hier interessiert man sich für das Bein, das abgesägt wurde und vom Sanitäter eben in den Kübel geworfen wird. Man will sein Bein wieder haben. Es noch einmal in die Hände nehmen. Betrachten. Sehr genau betrachten.

„Mein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein!“ Zuerst schreit er nach seinem Beine, dann bettelt er: „Gib her. Komm, gib her. Gib mirs.“

Der Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen Reihe, im vierten Bett, von der Rückwand aus gezählt. Er muß doch wieder schreien, das Schmerzgebrüll, Gewimmer, Geheule überschreien, damit der Sanitäter ihn hört.

„So ein Unsinn! Verfluchter Unsinn!“ schimpft der erschöpfte Sanitäter. Und trägt dem Bettelnden ein langes Bein hin, das zwischen dem Knie und der Schnittfläche am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes Loch hat. Legt es ihm wagrecht auf die gierig ausgestreckten Hände.

Der Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm gehört hat, hält es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberkörper immer weiter zurück. Und schmeißt das Bein, plötzlich von tödlichem Ekel geschüttelt, in den Mittelgang. Brüllt: „Das ist nicht mein Bein.“

Es war nicht sein Bein. Der erschöpfte Sanitäter hatte ein falsches Bein aus dem Kübel herausgezogen.

Der Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnmächtig geworden.