‚Mir kann doch niemand weismachen, daß einer, der einen künstlichen rechten Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das alles.‘
‚Und reiten? Mit einem Bein?‘
‚Oder schmieden und schweißen kann . . .‘
‚Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.‘
‚. . . oder nieten, oder eine Schloßfalle feilen, die genau passen muß . . . mit einem künstlichen Arm? Ja, Scheiße . . . Warum fehlt nicht ein Bein? Ein Bein!‘
‚Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . . Alles ist aus.‘
‚Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschäft ist futsch.‘
Beide haben während der letzten Tage alle Möglichkeiten abgegrübelt. Und plötzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, daß es sich im Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-, Schmiedenkönnen handelt, sondern nur um das schöne Bein, einzig und allein um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm, meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr reiten, und mögen sich die Weiber zweibeinige Männer nehmen, wenn ich nur mein schlankes Bein wieder hätte . . . Ich scheiße ja auf das ganze Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder hätte, wieder hätte, wieder hätte.
‚Meinetwegen blind sein.‘ Beinahe gleichzeitig steigt diese Überlegung in beiden auf. ‚Nur das Bein, nur den großen, starken Arm wieder haben. In Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben‘, denken sie tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. ‚Lieber blind sein.‘
Und der neben dem Gliederkübel liegende blinde Soldat, dessen schwere Schenkelwunde überraschenderweise verheilte, so daß die Amputation nicht nötig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken: ‚Meinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie . . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer führt mich? . . . Und nie mehr eine Straße sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und und und . . .‘ Tausend Gegenstände stürzen vorbei. Zuletzt versucht er krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepäcknetz in einem Eisenbahnwagen aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schläft darüber ein. Und sieht sofort wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrüll, von ganz feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstürzt.