Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel über Staatenbevölkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als ‚Minimalzahl‘ zehn Millionen Gefallene angegeben sind.

„Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr behutsam und vorsichtig“, flüstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen frei, „die Minimalzahl von fünf Millionen Amputierten.“

„Uu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!“

Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, übersieht mit einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen Hauptadern, den für die Säge freigelegten Knochen. ‚Sieht aus wie eine Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen sind so blau. Himmelblau . . . Und draußen donnern die Geschütze. Donnern seit drei Jahren die Geschütze. Warum? Wann wird man darüber nachzudenken beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir in die Metzgerküche herein.‘

Er betrachtet die Sägezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf sind. ‚Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.‘ Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. ‚Das Leben schrumpft ein . . . Minimalzahl fünf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag, seit drei Jahren, von früh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sägen, sägen, sägen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben würde, hieße es: Segen . . . Säge ich Arme, Beine, Hände ab. Sägte fünf Millionen Beine, Arme, Hände ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.‘

Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen, setzt die Säge an, sägt und rechnet: ‚Siebzig Zentimeter lang ist ein Menschenbein. Der Arm nur sechzig.‘

‚Die Länge der abgeschnittenen Hände, Arme, Beine ineinander gerechnet, ergibt — vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein —, eine Minimaldurchschnittslänge von fünfzig Zentimeter für das amputierte Glied. Fünf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslänge von je fünfzig Zentimeter ergeben zweimillionenfünfhunderttausend Meter . . . sind gleich zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied.‘

„Uu . . . . . . . . .!“

‚Der Herr segne und behüte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht leuchten über euch. Segen, Segen . . . sägen, sägen, absägen. Zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied absägen . . . Bei der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefügt, als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und — vorbei an Dörfern, Städten, vielen Dörfern, bergauf, bergab, Flußläufe, Wälder, Felder entlang — flach nach Berlin zurück und herum, bis die Hände der zwei letzten Arme die Hände der zwei ersten Arme fassen können . . . Ein Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenhände verstärkt und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.‘

„Uu . . . . . . . . .!“