Welcher Mensch weiß, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich, daß er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mußte, in das Blut des Herrn hineingelacht hat.
Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sägt. Er meckert, brüllt, winselt, lacht in allen Tongraden. Und sägt.
Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hält, sagt: ‚Bitte, abstellen. Stellt nur ab.‘
Der bärtige Bauer sieht plötzlich wie ein Christus aus, schlägt, den Blick noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurück, senkt den Blick. Und sieht, daß da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist. Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glück herunter, kommt ins Bett zu hocken und schaut. Sieht den großen, weißen Verbandstumpf an, der knapp unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er gleitet in die Ohnmacht hinein.
Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den Mittelgang.
„Ja aber! Ja aber!“ schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt das ganz lose hängende Bein vom Rumpfe. „Ja aber! Ja aber! Der Mann . . .“ ‚verblutet ja‘, will er sagen, und sagt: „. . . ist ja schon tot.“
Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. „Ist verblutet . . . Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen“, sagt der Stabsarzt, reicht dem Sanitäter das Bein. Und wird plötzlich zur Karussellachse der Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grün herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der bärtige Bauer, der Gliederkübel. Die Geschütze donnern. Die lang und blau gebläkte Zunge gleitet vorbei und verlängert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorwärts, unbegreiflich schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.
„Uu . . . . . . . . .!“
Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine Schußverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshände sich in kraftlose, durchsichtige Krankenhände verwandelt haben, mit Amputierten, mit Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz langsam vorwärts in die heimatliche Landschaft hinein. Frühherbst.
„Zweiundzwanzig“, sagt das Kind, das an der Landstraßenschranke steht und dem Zuge nachsieht.