Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender mitgezählt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in den übereinander befestigten Betten.
Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fühlen die Sonne und sehen die Finsternis.
Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wänden entlang. Genügend viel Sitzplätze. Aber alle Irren hocken am Boden, in einem dreifachen Kreise, und lachen, lächeln, schwätzen, schweigen, schütteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.
Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die Sanitätssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die während der Reise verendet sind. Der letzte Wagen füllt sich allmählich.
Niemand weiß den Grund, auch der Stabsarzt weiß nicht, weshalb die Irren, die kurz vorher noch lachend und schwätzend in dreifachem Kreise am Boden gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wänden entlang auf der Bank sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle Hände liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.
Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreißigjähriger Mensch, in dessen ernstem Gesicht noch die Züge früheren Geistes zu sehen sind, steht auf, streckt ein geöffnetes, leeres Streichholzschächtelchen dem Stabsarzt hin und sagt: „Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schächtelchen zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.“
„Ja, das stimmt“, sagt der Stabsarzt, der in vielen ‚Metzgerküchen‘ und ‚Tanzsälen‘ drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht plötzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub verlangt und erhalten hat.
Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzüge nicht. Nach seiner Meinung sind das herrschende europäische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der Lügenknäuel mitschuld am Kriege.
‚Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich nicht: ‚Weil ich überarbeitet bin‘, sondern ich sage zu ihm: ‚Ich habe drei Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesägt; jetzt habe ich die Absicht, dafür zu wirken, daß Soldatenbeine nicht mehr abgesägt werden. Dazu muß ich ins Land zurück.‘
In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lächeln, lachen, schweigen, schwätzen. Einer schreit lustig und ausdauernd „Bö!“ zur Wagendecke empor. Dabei schließt er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln und der gespitzte Mund wird klein und rund. „Bö!“