Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fährt, in der Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am Boden.
Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den Kameraden, für den er geläutet hat.
Der Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten Hüfte heruntergerissen, ist dabei aus dem Bett gestürzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht, und ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken, hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen von einem großen Geschoß hat ihm die rechte Bauchwand eingedrückt, die Hüfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange Nächte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzureißen.
Alle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie Tote. Jeder fühlt dem nächsten Stoß entgegen, der bei jeder Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Stoß, hinein in die Schmerzzentrale.
Das schmale, lange, rollende Spital, gefüllt mit dickem Karbol- und Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vorüber an den Grenzdörfern, deren Bewohner an den Schranken stehen, Hüte und Taschentücher schwenken, „Hurra!“ schreien. Viele Militärzüge, mit Truppen, die an die Front oder in Urlaub fahren, passieren diese Gegend.
Der Sanitäter steht am Fenster und schüttelt den Kopf, winkt mit der Hand ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen Münder bleiben rund und lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vorüber an den Verstummten, die nur die Hinterköpfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines Taschendiebes vor, sinkt, zieht zurück, stiehlt sich vor. Langsam.
Der Stabsarzt kann den Grad der Gefühlsverfeinerung der Dorfbewohner am Aussehen und an der Lage des Dorfes erkennen, am Baustil der Kirche, an der Profillinie der umliegenden Wälder und Hügel; daran, wie das Dorf in die Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der Stabsarzt: ‚Die werden nicht hurra schreien.‘ Der Stabsarzt macht über viele Gedankenzwischenglieder weg einen Sprung zu dem Gedanken: ‚Die Landschaft ist das Vaterland für den Menschen.‘
‚Die schönen Felder, die schönen Felder, o, das Vaterland‘, denkt der Soldat, der für den Kameraden geläutet hat und hinaussieht auf die Felder, die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen vorüberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen. Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unabänderliche Unglück ein: „Was sind für mich die schönen Felder, die Wälder, das Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland . . ., das ich nicht mehr habe.“
Und der Bauer, im Bett über ihm, weiß, daß kräftige Beine vor Müdigkeit singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt hat, und weiß, daß er nie mehr pflügen wird, da er nur noch ein Bein hat.
‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich‘, ist der Gedanke, der in jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten gedacht wird, von dreihundertfünfzehn Soldaten gedacht wird. Fünf sind während der Reise gestorben. Und die fünfundzwanzig Irren leben auf einem anderen Planeten.