‚Das Unikum‘, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch dieser Rumpf denkt noch; er denkt: ‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich.‘

‚Was nützen mir die schönen Auen.‘ Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des Unikums. Meistens schläft er; er schläft ein mit der Verszeile: ‚Was nützen mir die schönen Auen.‘

Er ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben geblieben.

Der Stabsarzt schlägt die Decke zurück, betrachtet das Unikum und denkt: ‚Wie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft, durch die er fährt . . ., deshalb fährt auch die Landschaft nicht durch den schmalen Zug, sondern der Zug fährt durch die breite Landschaft.‘

Derartig überspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit. Mit ihnen will er die Realität festhalten. Die Realität, die er im Laufe von drei Jahren, ausgefüllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen Furchtbarkeit kennen gelernt hat, daß er oft stundenlang an das Vorhandensein der Realität nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr, will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat, veranlaßt ihn, sich die Realität nicht entgleiten zu lassen. Er will die furchtbare Realität in den Dienst seiner Absicht stellen.

Deshalb erlöst er auch das Unikum nicht mit einer Dosis Morphium, obwohl er, der Träger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten Verantwortungsgefühls, schon viele, die nicht so elend waren, durch Morphium erlöst hat.

Knapp unter den Schulterblättern, knapp unter dem Rumpfe starren die Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungrüne Ränder. Die Spitzen, zusammengedrehte Mißgewächse aus Muskelsträngen und Haut, sind grau.

Wie der Säugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die Nase geputzt. Der Rumpf wird gefüttert. Der Rumpf wird auf das Klosett gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil, hat Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:

„Bitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich tun? Was soll ich tun?“

‚Diese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt werden‘, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er weiß die Antwort nicht.