‚Zu Befehl! . . . Das ist nicht möglich. Nicht möglich! Daß er ‚zu Befehl‘ gesagt hat‘, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. ‚Nicht möglich! . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft, Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflicht, der selbst diesen Rumpf noch sagen läßt ‚zu Befehl‘, hat den Krieg mitverschuldet.‘
Der Stabsarzt denkt noch brennend scharf, daß dieser Geist mit Halbheiten, mit kleinen oder großen Reformen nicht überwunden werden kann; und wird von einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins aufsteigt, plötzlich zum Rumpfe zurück und auf die Knie gerissen.
Unbewußtes Zartgefühl veranlaßt ihn, die Hände nicht zu gebrauchen, da ja auch der Rumpf Hände nicht gebrauchen kann in dieser großen Sekunde, in der das Wort „Bruder“ wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der Menschheit zurückgegeben wird vom Stabsarzt, der, die Hände auf dem Rücken, die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes küßt und in wilder Hingabe: „Bruder“ sagt. „Wir sind Brüder. Du und ich sind Brüder.“
Zwanzig erschütterten Soldaten wird das verarmte Herz berührt von dem Worte „Bruder“. Nicht mehr erhofftes Glück steht groß im Wagen.
Der Stabsarzt steht in der Mitte und verkündet allen das neue, das wieder erneute Gesetz der Liebe: „Ich sage euch: wir sind Brüder.“ Er sagt das Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.
Finsternis reißt entzwei; die Morgenröte der neuen Zeit steigt, trifft und verklärt die zwanzig Soldatengesichter.
Verkünde einem zu lebenslänglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendfünfhundert lange Tage in der gleichen Zelle geatmet hat, und der weiß, daß er diese Zelle nie verlassen wird, verkünde ihm plötzlich, er sei frei, könne gehen, könne jetzt sofort hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner Zelle bleiben wollen. Das plötzliche Glück ist so ungeheuer groß, daß es ihn zu verbrennen droht.
Auch der Rumpf wagt nicht, sich dem Glücke sofort zu überlassen. Schon allein die ihn plötzlich durchfließende Gewißheit, daß es da ist, daß auch für ihn ein Glück noch möglich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt noch nicht, das Wort „Bruder“ zu flüstern, und weiß, daß er es flüstern, sprechen, beten wird. „Bruder.“ So schläft er ein. Und träumt sofort die wunderbare Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: „Was soll ich tun? . . . Bruder.“
Der Geist durchdringt den Zug, dringt in alle Wagen, in die Herzen aller Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive langsam in das Innere des Landes getragen, der Absicht des Stabsarztes zu dienen, der im Gange bei den Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein Gesicht mehr hat.
Von der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: — eine Fläche. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Zähne. Keine Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei Löcher, wo die Nase war. Ein kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war. Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle Fläche, entstellt durch farbige Narben und Mißgewächse aus Haut.