Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren schon graue.
„Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“
„Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?“
„Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen — dann gehe ich wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen“, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
Wirr vor Verlegenheit, rief er: „Ich heiße Michael Vierkant!“ Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: „Tom machte sich auf in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich das Lebenslicht auszublasen“, und gab es Oldshatterhand zurück.
„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der Schule. „Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr, was da drin steht.“
Da sagte der Fremde nachdenklich: „Ja, Sehnsucht ist — weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang — und stieg hinunter.“
Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu ihm. „Ich will auch arbeiten“, sagte er ganz still. „Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe.“