„Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.“
„Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.“
„Ja!“ sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten — klipp klapp klipp —, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen in „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro“, denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er in der Oper gewesen.
Er versuchte, „Nun danket alle Gott“ unterzulegen, oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, aber beugte er sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der Fabriksaal wieder „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!“ Den ganzen Tag „Auf, in den Kampf!“
Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch — und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die Vesperpause war gekommen.
Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen.
Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: „Jetzt esse ich meine Bemmchen alleine.“
Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen hinunter.