Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder „Auf, in den Kampf!“ ins Ohr.
Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.
Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht — Etwas zu werden. Er wollte Etwas werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler — hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, Etwas zu werden.
Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im Geiste — als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er Etwas geworden war.
Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik entlassen.