Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr Leisegang schon sorgen.
Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen lag. — Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.
„Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!“ rief Herr Leisegang. „Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?“ Er roch in das Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins Reagenzglas. „— — — Eiweiß hat die Fürstin nicht.“ Er nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. „— — — Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn Geheimrat das Resultat mitteilen.“ Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem Laboratorium.
Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.
Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, weißer Kreis.
Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.
Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.
Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.
Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.
Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.