In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.
So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben.
Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des Amerikaners rehabilitiert. — Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den Räubern unter die Füße.
Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der Amerikaner durfte wenig ausgehen.
Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu zeichnen.
Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.
Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet, und verächtlich lächelnd: „Ha! Hinaus in die Welt!“ mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.
Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber ohne jeden Erfolg blieb — der Amerikaner benahm sich immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.
Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer entlang.
Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens — die Erde spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.