Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: „Diese Arbeit ist sehr gut, sehr gut“, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.

Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste aufgenommen worden.

Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb — Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem Artillerie-Sergeanten. „So?“ sagte Oldshatterhand, „so?“ und sein Gaumen wurde trocken. „Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!“ Seine Augen lasen weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.

Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse.

Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend in der Ferne verklang.

Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.

Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.

Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. „Lenbätsch“, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.

Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.

Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.