Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt seien oder gemein.
„Ja, das ist schön“, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. „Kommen Sie mit in mein Atelier. Sie verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!“ Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus.
Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus.
Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte ratlos: „Tragen Sie kein Hemd?“
Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand Ekelgefühl und stand auf.
In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen.
Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. „Ich muß nach Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil’s ein wenig eng da ist.“
Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf pausierend: „Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.“