Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend — sah sich und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen.
Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. „Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann doch nicht sein“, sagte er für sich. Und die Frau meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein Haus beträte.
Langsam ging er fort. „Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.“ Er blieb stehen. „Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.“
Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen Pistole aus dem „Zimmer“, ein Totenschädel stand, der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem Gelächter erfüllt war.
Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und vielleicht etwas komfortablere zu mieten.