Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und sagte: „Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.“ Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: „Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.“
Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers: „Ho! ho! ho!“, der das leere Wasserglas aufs neue zum Kellner emporhielt.
Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen.
Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte — ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin.
Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
„Michael Vierkant“, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte.