„. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.“ Oldshatterhands zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. „Der Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.“

„. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder . . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.“

„‚Gemein‘ habe ich nicht gesagt.“

„Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz unschuldig.“

„Glauben Sie?“ fragte Oldshatterhand tief betroffen.

„Halt!“ brüllte da der Fremde entsetzt. „Nein nein nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!“ Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: „Das braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!“ Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.

„Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte Zimmer!“ rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.

„So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat ein Loch in der Hose.“

„Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.“

„Sooo?“ fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.