„Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.“

Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit ins Gehirn. — Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne.

Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.

Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn neben sich am Ärmel. „Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen Sie? Sehr verzeichnet.“ Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem Finger — Schenkel, Knie und Wade. „So muß das sein! So!“

„Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.“

„Nicht wahr!“ Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.

Der Herr war kleiner.

Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht.

Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. „Märchen“ war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer.

Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.