Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie Wasserinsekten.
Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.
Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die Zurückbleibenden.
Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.
Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper vom Wasser weg und schwankte zurück.
Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief. „Una lettera, Signore.“ Sie zündete die drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.