Franziskus Grünwiesler schrieb — er habe sich nach Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. „Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.“ Dieser Satz war unterstrichen.
„Erschieße ich mich . . . vor deinen Augen, habe ich geschrieben“, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: „Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.“
Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder — weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen.
Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. „Und ich bin vielleicht noch größer als Napoleon!“ rief er in steigender Begeisterung und legte beide Hände in die Hüften.
„Niente Napoleone“, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein graues Schloß, „una castello Genova.“
Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken — daß des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von Genua.
Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in die Alte Pinakothek.