Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.
Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: „So spät in der Nacht darf ich kein Brot geben“, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou reichte.
„Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?“ fragte Oldshatterhand und nahm das Brot.
„Michael, du bist’s? — — — Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der Mauer.“
Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum „Käppele“ hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: „Nein, nein!“
Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.
Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: „Michael! . . . Wo bist du?“ und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
„Der Hund lebt noch immer?“ fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen — Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir.
„Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?“
„Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.“