„Ich war draußen in der Welt! In der Welt!“ schrie Oldshatterhand lachend. „In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett sehen sollen“, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor Scham . . . „Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . Irgend etwas Grauenhaftes.“

„Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.“

„Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du’s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.“

Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.

Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand auf.

„Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.“

„Morgen um diese Zeit“, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg Christi hinunter.

Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.

Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. — Das Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und frei und kühl atmen konnte.

So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am Horizont — bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und an dessen Stelle Oldshatterhand — zum Fremden wurde, und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem Bett saß.