Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: „Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?“
„Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!“ schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: „Aber sieh doch die kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.“
Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: „Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür verachten — weil sie Lügner sind —, wimmerst du, denn ohne die Achtung der Lügner kannst du nicht leben.“
„Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt’s so grauenhaft viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.“
„Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin allein.“
„Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.“
„Wie kannst du uns sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander — den haben wir niemals verachtet. Und der Vater ruft — das ist mein Sohn. Jesus Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.“
„Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz . . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner werden wie sie, sondern Etwas werden.“
„Es gibt nur zweierlei — lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.“
„Ja!“ stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten nach dem alten Revolver aus dem „Zimmer“, der auf dem Tische lag. „Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter“, flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele — er wird versagen —, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft „I . . . . . i!“ und hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, noch ein Fenster öffnete.