Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte Gesichter.

Die Wirtin kam gesprungen — — — sah einen Fremden klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um ein Hindernis herum auf sie zuschoß.

Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen droht.

Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.

In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.

Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.

Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die Frühlingssonne abzuhalten.

Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.

Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg.

Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche reichten.