Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. „Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.“

Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein paar schnelle Striche.

Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen aufmerksam zu.

Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. — Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde.

Der Anatom zog an einer anderen Sehne — und die Leiche streckte die Zunge heraus. „Kemmerich!“ wandte sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der Muskeln.

Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.

„Es ist eine Freude zu leben“, sagte ein Maler zu laut in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte.

Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren. „Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen“, sagte der Anatom und zog das Tuch weg.

Der Fremde stand langsam auf. „Das ist meine Leiche“, flüsterte er. „Geben Sie mir meine Leiche.“

Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.