„Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet“, schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. „Und es ist erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.“

Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim Erblicken Oldshatterhands.

„Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden“, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. „Mnja, da kann man jetzt nichts mehr machen.“

„Weißt du“, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, „erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben — war nur gerecht . . . Gerecht!“

In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei.

An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.

Zehntes Kapitel

„Zum schwarzen Walfisch von Askalon“ hatte der bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden war.

Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen Tag glückselig herum.

Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der „Schönen Mainaussicht“ war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden waren.