Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg hinunter.
Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter.
Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.
Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise: „Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen Mütter Klaggezeter“, öffnete die Wohnungstür — da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und Beinen.
Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.
Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten.
Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.