„Wir könnten’s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?“ fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.

Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. „Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt“, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.

„Wirklich, das düngt“, beschwichtigte Winnetou.

„Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann’s ihm eigentlich nit“, sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht.

Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.

Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf sie erhitzt nach Hause eilten.

Zweites Kapitel

Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im „Zimmer“ wurden zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.

Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.

Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. „Was glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist erschossen worden.“