„Wär ich tot . . . Mir wärs lieber.“

Er dachte — schon allein deshalb.

„Sind Sie einer vom Gericht, Herr?“

„Da haben Sie ihm Unrecht getan. Großes Unrecht“, wiederholte sie, als sie, vom Einäugigen halb getragen, die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinaufstieg.

„Das weiß ich besser.“ Sie saß im Lehnstuhl, das Reisesäckchen vor den Füßen. „Ich hab ihn doch aufgezogen, Herr.“ Sie besann sich, während er auf der Spiritusflamme zwei Eier für sie kochte, und sagte: „Wissen Sie, wie er ist? . . . Ritterlich ist er, ritterlich.“

Ich auch, dachte er und lächelte wie ein Knabe von hundert Jahren.

Das Arbeitszimmer stand voll Reagenzgläser, Meßzylinder, Kolben, Apparate, Bakterienbrutöfen, unter denen die blauen Gasflämmchen gleichmäßig brannten. Hinter einer spanischen Wand stand ein großer Röntgenapparat. Der Gelehrte beschäftigte sich hauptsächlich mit bakteriologischen Experimenten und führte nur nebenher seine Arztpraxis weiter. Es war warm wie in einem Bad und roch nach Medizin.

Der Einäugige sah in den Kochtopf, sah den Dichter. Das Wasser warf schon Bläschen.

„Wenn Sie die Eier mit kaltem Wasser zugesetzt haben, dann sind sie wachsweich, wenns Wasser kocht, ja . . . Och Gott.“

„Mit diesem Bewußtsein weiter Menschen behandeln, essen, spazieren gehen?“ Ein Gefühl lief ihm durch den ganzen Körper. Er machte eine bejahende Verbeugung vor der Konsequenz. „Seine Stimme geben, ist leicht, geht schnell, ist Leichtsinn . . . aber mit dem Beil einem angeschnallten, wehrlosen Menschen auf den Nacken schlagen — — —. Zum mindesten müßte jeder, der einen Menschen zum Tode verurteilt, bereit sein, den Kopf auch selbst abzuhauen mit dem Beil . . . Aber da wäre er kein Mensch, und es wäre genau so richtig, wenn der Hinzurichtende . . . ihm den Kopf abschlüge . . . Und dann, das wird ja ganz zur Nebensache — ob der Dichter mit seiner Auffassung recht hat oder der Staat mit seiner. Auf keinen Fall darf einem Menschen gesetzlich der Kopf . . . der Kopf abgeschlagen werden . . . gesetzlich.“