Für ihn stellte sich ein Gefangener als Ersatzzeuge ein — dumpfes Gepolter ertönte aus einer Zelle des zweiten Stockes, wo ein wegen Doppelmordes angeklagter Sträfling mit einem Riesensatz versuchte, das Fenstergitter zu haschen, und immer wieder zurückfiel. Bis es ihm endlich gelang. Sein bärtiges Gesicht zitterte vor Anstrengung, da er sich ständig in ausgeführtem Klimmzug halten mußte, um die Hinrichtung mit ansehen zu können.
Frauen können verlangen, daß sie auf dem Rücken liegend hingerichtet werden . . . und Männer auf dem Bauch, dachte der Dichter.
Alle hatten die Zylinder abgenommen.
„Jetzt?“ fragte der Dichter neugierig, als die Gehilfen auf ihn zurraten.
Tiefes Nachdenken verschönte seine Augen. „Ich möchte wissen, ob die Herren auch heute mittag den Suppenteller gewohnheitsmäßig mit der zusammengerollten Serviette auswischen werden.“
Die Gehilfen packten den Dichter an den Schultern. Er sah sie erstaunt lächelnd an, weil sie ihm weh taten. Dann preßten sie sein Gesicht in die Höhlung.
Er roch etwas Süßsäuerliches, bekam keine Luft mehr. Plötzlich wurde er noch einmal klar, wußte, was mit ihm geschehen sollte. Da sammelte sich alle Kraft seines Lebens in den Schultern. Die Helfer wurden hin und her geschleudert. Sein Gebrüll zischte aus der Höhlung heraus. Ein Helfer glitschte aufs Knie; seine Lippen verschwanden vor Kraftanstrengung.
Alle Zeugen sahen zu, rührten sich nicht.
Der Scharfrichter nahm das hocherhobene Beil wieder zur Brust. Es war dem Dichter gelungen, das Gesicht aus der Höhlung herauszubringen — sein wortloser Brüllton prallte gegen die Gefängnismauern. Die Helfer knallten sein Gesicht wieder in die Höhlung zurück, daß der Nacken krachte. Das Gehirn des Dichters begann im Kopfe zu kreisen, schnellte einen letzten Gedanken ab. Er wollte noch überlegen, ob der Mensch vielleicht nur aus Gewohnheit böse sei. „Ist alles nur Gewohnheit?“
Da stürzte das Blut schon vom Halsstumpf weg, in großem Bogen sich selbst nach, entsetzt, als wolle es sich wieder in den Körper zurückholen. Das Sägemehl wurde rot.