„Den habe ich kürzlich aufgesucht, extra aufgesucht . . . Er hat jetzt einen Schnurrbart. Das Geschäft seines verstorbenen Vaters führt er weiter, erhält seine jüngeren Geschwister. Sehr geachteter Mann . . . Ich frage ihn: Denkst du noch manchmal daran, wie dich der Lehrer behandelt hat?
‚Der Lehrer Mager? Dem begegne ich öfters. Wir unterhalten uns hie und da miteinander‘, sagte er und bediente dabei seine Kundschaft — zwei Gymnasiasten, die einen Photographenapparat kaufen wollten. ‚Das war ein tüchtiger Lehrer. Man hat etwas bei ihm gelernt . . . Ja, ja, jetzt sind wir keine Kinder mehr. Sorgen haben wir jetzt. Nun, das Geschäft geht ja.‘“
„Dem hats also nicht geschadet.“
„Nein“, sagte der Dichter lächelnd und sah dabei den blinkenden Optikerladen.
„Und Ihre Schwester . . . Glauben Sie nicht auch, daß die Sache in die Öffentlichkeit gekommen wäre, wenn die Schwester sich wegen des Lehrers ertränkt hätte? Doch sicher!“
„Ach, daß der Lehrer die Schuld haben könnte, daran dachte kein einziger Mensch in der Stadt. In einer kleinen Stadt wagt man gar nicht, an so etwas zu denken. Da ist ein Lehrer etwas so unangreifbar Hohes . . . wie er sein sollte . . . Ich selbst bin ja erst seit kurzer Zeit der Meinung, daß meine Schwester durch das Verhalten des Lehrers in den Fluß geschickt worden ist.“
„Nach allem, was wir von dieser Sache hier gehört haben, vom Angeklagten selbst gehört haben, ist er durch nichts zu dieser Meinung berechtigt“, sagte der Staatsanwalt ruhig.
Und der Vorsitzende: „Je nun, mir scheint auch, daß Sie da etwas vorschnell urteilen . . . Herr Doktor Wiener, versuchte der Angeklagte an jenem Abend auch von Ihnen Geld zu leihen?“
„Das nicht . . . Wärme.“
Der Vorsitzende sah verständnislos drein.