Der Psychologieprofessor blickte, die Hand am Kinn, nachdenklich über den Christus weg zur Decke. „Da könnte ja wirklich jeder Mensch jeden Menschen umbringen . . ., der Herr Staatsanwalt hat recht.“
„Natürlich, das ist Unsinn . . . diese Ursachen“, sagte der Zigarettenhändler, ließ aber seine Unterlippe unzufrieden hängen. „Er war so ein einfacher Mensch, nett eigentlich.“
Der junge Geschworene wiederholte: „Unmöglich, die haben mit dem praktischen Leben nichts zu schaffen. Nicht wahr?“
Aber der Einäugige sprach schon. „Diese Ursachen bestehen ja . . . im Groben. Nur hat seine Theorie einen Riß: ein Vater hat zwei Söhne, beide haben eine vollkommen gleiche Erziehung. Und doch wird der eine ein brauchbarer Mensch — Landpfarrer etwa —, der andere ein bösartiger Verbrecher.“
Die Stimme des Einäugigen wurde eindringlich, hartnäckig; es schien, als wolle er sich selbst von etwas überzeugen, gegen seine innere Stimme: „Der Urquell des Bösen ist nicht in Erlebnissen zu suchen, sondern in der Natur. Die Natur selbst ist bös und gut. Und die Quelle, die Urquelle des Bösen und Guten — des Moralischen — liegt hinter dem Kreise des vom Menschen Erkennbaren . . . Kain und Abel.“
Das hatte er wie im Selbstgespräch gesagt. Durch ein Stuhlrücken wurde er erschreckt, sah verstört die Geschworenen an. Da kehrte die Hartnäckigkeit in sein Gesicht zurück. „Weshalb die Quelle des Bösen — dieses unerforschbar Mystischen im Leben — gerade diesen und diesen und jenen Menschen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen. Aber verantworten muß sich der Schuldige den Mitmenschen gegenüber, die sich schützen müssen, so gut sie können. Die Welt ist unvollkommen . . . Wer die Ursachen des Bösen in der bestehenden Ordnung sucht und sieht, kann nicht anklagen, nicht verurteilen.“ Etwas Ungelöstes blieb in seinem Gesicht zurück.
Der Psychologieprofessor sagte zu ihm: „Die Theorie des Angeklagten bedeutet offenbar nichts anderes als Revolution. Der Himmel behüte uns vor Verantwortungslosigkeit.“ Er wartete darauf, was der Einäugige dazu sagen würde, und sah ihm erstaunt ins weiß gewordene Gesicht, sah, wie die Röte zurückkehrte und es im Gesicht zu arbeiten begann.
„Sich Geld geben lassen . . . von einer Prostituierten! Da hört doch eigentlich alles auf“, sagte der junge Geschworene. „Sie heiraten wollen!“
Alle schwiegen, beobachteten jede Bewegung des Einäugigen und unausgesetzt forschend sein Gesicht.
Der Akt der einstimmigen Verurteilung des Dichters zum Tode ging fast ohne Worte vor sich.